Volkswirtschaftslehre soll vielfältiger werden

„Der extrem instabile Spekulationskapitalismus hat ausgedient, wir brauchen einen politisch klug geleiteten Kapitalismus, der zu einem sozial gerechten und ökologisch verantwortbaren Wirtschaftssystem führt“, fordern die Wirtschaftswissenschaftler Ralf-Michael Marquard und Heinz-Josef Bontrup von der Westfälischen Hochschule. Foto: S K auf Pixabay

Der in der Wirtschaft herrschende Marktfundamentalismus wird die sozial-ökonomischen und ökologischen Herausforderungen der Gegenwart nicht lösen. Davon sind Prof. Dr. Ralf-Michael Marquardt von der Westfälischen Hochschule und Prof. Dr. Heinz-Josef Bontrup, Emeritus der Westfälischen Hochschule, überzeugt. Mit einem eben von ihnen erschienenen Fach- und Lehrbuch wollen sie Alternativen wirtschaftlichen Gestaltens erschließen.

(BL) Als die britische Königin im November 2008 die „London School of Economics“ fragte, wie es zu der damaligen Wirtschaftskrise kommen konnte, erhielt sie eine Antwort, bei der sich die neoklassische und neoliberale Wirtschaftswissenschaft mit dem Hinweis auf das „Versagen kluger Menschen, auf ihre eigene Selbstüberschätzung und auf eine Blauäugigkeit hinsichtlich der Stabilität von Märkten“ auf das Heftigste blamierte. So sagt es Prof. Dr. Rudolf Hickel selbst und in seinem Vorwort zu dem neuen Lehr- und Fachbuch der Wirtschaftsprofessoren Dr. Ralf-Michael Marquardt und Prof. Dr. Heinz-Josef Bontrup von der Westfälischen Hochschule. In Wirklichkeit, so Hickel, sei die Wirtschaft an der hohen Eigendynamik und dem Eigenleben unregulierter Finanzmärkte kläglich gescheitert. Das Urteil ist das eine, die Ansage, wie es besser geht, jedoch das andere. Und dazu wollen Marquardt und Bontrup beitragen.

Sie wollen das vorherrschende Denken in Konkurrenzwirtschaft in Lehre und Praxis aufbrechen: „Wir brauchen sozial und ökologisch nachhaltige Alternativen auf der Basis von Demokratisierung gegen Abhängigkeit und Machtkonzentration“, so Bontrup und Marquardt. Sie wollen die ordnende Kraft des Staates stärken und nennen das „klug geleiteten Kapitalismus“ im Gegensatz zu „extrem instabilem Spekulationskapitalismus“, den sie als „Kasinokapitalismus“ bezeichnen. Zum Sozialismus wollen sie nicht (zurück), sondern zu Wirtschaft als wirkendem Bestandteil der Gesellschaft, deren Mitglieder durchaus gegensätzliche Interessen haben und sich doch auf ein sozial gerechtes und ökologisch verantwortliches Wirtschaften einigen müssen, geleitet von Wirtschaftspolitik als „aktiv gestaltende dritte Säule der Volkswirtschaftslehre und nicht bloß als Anhängsel, das vermeintlichen Zwängen der Wirtschaft folgt“. „Abhängig Beschäftigte und das unternehmerische Investitionsmonopol müssen auf der Basis von Mitbestimmung zusammengeführt werden“, so der Rat der Professoren.

Bibliografischer Hinweis: Heinz-J. Bontrup und Ralf-M. Marquardt: Volkswirtschaftslehre aus orthodoxer und heterodoxer Sicht. De Gruyter Oldenbourg, 2021. DOI: https://doi.org/10.1515/9783110619379