Nachrichten aus der Westfälischen Hochschule

Ergänzen, nicht ersetzen

Grafik: WH/Marcel Böcker

Die Welt vernetzt sich immer mehr, digitale Kanäle machen den Menschen nahezu jederzeit erreichbar. Auch auf die Lehre an der Westfälischen Hochschule hat die Digitalisierung große Auswirkungen: Lehr- und Lerngewohnheiten verändern sich, die Möglichkeiten zu lernen und zu lehren werden vielfältiger, manche sterben allerdings vielleicht auch aus. Der „Tag der Lehre 2017“ an der Westfälischen Hochschule warf Schlaglichter auf die Digitalisierung von Lehre und Lernen.

(BL) Viele Fragen stehen im Raum und wollen beantwortet werden. Der „Tag der Lehre“ im Oktober wollte Antworten und Lösungsansätze finden. Eingeladen waren nicht nur die beschäftigten Hochschulmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, alle Studierenden waren ebenfalls eingeladen mitzureden. Als Einstieg erläuterte Prof. Dr. Michael Kerres, Professor für Mediendidaktik und Wissensmanagement an der Universität Duisburg-Essen und als solcher Digitalisierungsexperte, die Perspektiven für Hochschulbildung, die aus der digitalen Revolution erwachsen können. Sein Konzept beruht auf „Arrangements“. Darunter versteht Kerres, dass die Angebote zu Lehre und Lernen in einer digitalen Lernarchitektur zusammengeführt werden, sodass der/die Studierende immer den Überblick hat, auf welche studienfördernden Dienstleistungen er bei seiner/ihrer Hochschule zugreifen kann. Das können sowohl digitale Angebote wie speicherbare Scripte oder Lern- und Prüfungshilfen sein, es können aber auch die Empfehlungen sein, wer wie seinen persönlichen Lernstrauß zusammenstellt. Die Digitalisierung, so Kerres, bringt es mit sich, dass Studierende sich den Lernstoff zeitflexibler aneignen, auf mehr Vielfalt von Lernangeboten zugreifen und selbstgesteuert studieren können. Kerres: „Das ist etwas anderes als den Hörsaal ins Internet zu verlegen und das als Digitalisierung zu sehen.“ Zugleich mit der Digitalisierung bereitet die Hochschule die Studierenden auf eine Arbeits- und Lebenswelt vor, in der sie auch digital denken und handeln müssen, da das Internet alle Bereiche vom Lernen übers Arbeiten bis zum Leben durchdringe. Besonders attraktiv seien digitale Lernangebote im Rahmen der notwendigen lebenslangen Fort- und Weiterbildung, denn nichts bleibt, wie es mal war. Das Gerät dafür sei klar, so Kerres: Es ist das Smartphone. Über dieses mobile Endgerät habe der Studierende alles im Griff.

Die technische Digitalisierung, so Kerres, führe nicht automatisch zu mehr oder besserer Bildung: „Diese Annahme führt eher zum Scheitern als zum Erfolg.“ Anstatt von einem einfachen Ursache-Wirkung-Zusammenhang auszugehen, müsse man von einem sehr komplexen System ausgehen. Der Übergang dazu erfordere nicht nur eine grundsätzliche Haltungsänderung gegenüber der Wissensvermittlung, sondern gehe auch nicht so schnell wie sich mancher Technik-Fan vielleicht vorstellt. Kerres: „Hic et nunc geht nicht.“ An dieser Stelle müsse man sogar die Beharrungstendenz für bewährtes Hergebrachtes als positive Seite der Digitalisierung würdigen, denn es gehe nicht nur um technische Veränderungen, sondern auch um die Sinnfrage und die mit der Digitalisierung zusammenhängenden sozialen Entwicklungen.

Diese Sichtweise wurde auch von Präsident Prof. Dr. Bernd Kriegesmann geteilt. Die größere Vielfalt an Lernhilfen durch Digitalisierung komme der Spreizung der Zielgruppe der Studierenden entgegen. Den Standardstudierenden mit Abitur aus akademischem Elternhaus, der von dort finanziert sich um nichts als seinen Studienfortschritt auf dem Weg zum wissenschaftlichen Grad kümmert, den gebe es schon länger nicht mehr als Mehrheit. Kriegesmann: „Es gibt viele andere Varianten: Studierende, die zur Finanzierung des Studiums arbeiten gehen. Studierende, die mit der Hochschulzugangsberechtigung aus einem Beruf kommen, von der Fachoberschule, vom Berufskolleg, aus anderen Ländern und Kulturen. Mit anderen Muttersprachen. Es gibt Studierende, die besser in Teilzeit studieren, weil sie sich zeitgleich um Kinder oder Angehörige kümmern. Oder sich sozial engagieren. Oder die aus finanzarmen, hochschulfernen Elternhäusern kommen und nicht nur fachliche Lücken füllen müssen, sondern auch mit Akzeptanzfragen in der eigenen Umgebung zu tun haben.“
Alles läuft auf die Zauberformel „ergänzen, nicht auf Biegen und Brechen ersetzen“ hinaus. Damit, so Kerres, könne eine Hochschule sich nicht nur technisch auf den modernen Stand des 21. Jahrhunderts bringen, sondern sich auch für Studierende und neue Zielgruppen profilieren.

Im Anschluss an den Schlüsselvortrag griff eine Podiumsdiskussion seine Themen und Thesen auf. Die Moderation der Diskussionsrunde lag bei Prof. Dr. Matthias Degen von der Fachgruppe Kommunikation, der außerdem beim WDR-Fernsehen für die Redaktion Landespolitik regelmäßig in der Sendung „Eins zu eins“ einem Politiker auf den Zahn fühlt. In der Diskussion rief  Prof. Dr. Manfred Meyer von der Forschungsgruppe für digitale Lehre seine Kolleginnen und Kollegen an der Hochschule auf, die Digitalisierung gemeinsam anzugehen, Beispiele zu probieren und ihre Erfahrungen zu teilen. Etwa beim Klicker-Einsatz, der nicht nur fürs Feedback funktioniere, sondern die Studierenden auch motivierend aktivieren könne. Ähnlich beim Programmierwettbewerb „PrimeGame“, der mit digitalen Mitteln Schüler für die Hochschule und Studierende fürs Studium motivieren könne.

Begleitet wurde die Veranstaltung im „Großen Saal“ der Hochschule von einer Ausstellung im Foyer, die über Projekte der Westfälischen Hochschule im Bereich der Digitalisierung informierte. Dazu zählte etwa ein Informationsstand des „Zentrums für Informationstechnik und Medien“, an dem Bastian Schiel-Mehmen die Leistungen von Moodle vorstellte. Moodle ist ein Online-Lernmanagementsystem, das den Studierenden auf vielfältige Weise und aus vielen Organisationseinheiten der Hochschule Studienmaterial zur Verfügung stellt. Weitere Aussteller stellten die digitale Bibliothek und verschiedene E-Learning-Angebote vor.